Die Atmosphäre in der Mediation

von Rechtsanwältin und Notarin Angelika Flechsig, Unna


Die Atmosphäre in der Mediation von Rechtsanwältin und Notarin Angelika Flechsig, Unna Atmosphäre in der Mediation? Der geneigte Leser wird sich fragen, was soll das genau sein? Der kritische Leser wird vielleicht resigniert denken: wieder ein neuer Modebegriff, der an sich überflüssig ist und keiner näheren Betrachtung bedarf. Ergibt sich nicht die Atmosphäre praktisch „automatisch“ aus der Haltung des Mediators und dem äußeren Rahmen, also vor allen Dingen dem Setting? Schon wieder eine überflüssige Betrachtung….

Schaut man/frau ein wenig durch die Literatur, wird von vertrauensvoller, offener oder respektvoller Atmosphäre gesprochen, manchmal findet man aber auch den Begriff der angenehmen Atmosphäre. Lässt man diese Beschreibungen Revue passieren, wird deutlich, dass es zwei Arten der Beschreibung von Atmosphäre in der Mediation gibt. Die eine betrifft in der Tat den äußeren Rahmen, also das Setting, die Räumlichkeit oder ganz allgemein gesprochen, das angenehme Umfeld. Insofern könnte man tatsächlich den Begriff der Atmosphäre synonym mit dem äußeren Rahmen verwenden.

Die andere Betrachtungsweise betrifft aber das Verfahren selbst und damit die Atmosphäre zwischen den Parteien, aber auch zwischen den Parteien und dem Mediator. Hier hat die Verwendung des Begriffs der Atmosphäre tatsächlich eine eigene Bedeutung, der wir uns hier einmal zuwenden wollen.

Die Atmosphäre in der Mediation ist von vielfältigen Einflüssen abhängig und ergibt sich ganz allgemein gesprochen aus der Interaktion zwischen allen Beteiligten.

Beginnen wir mit dem Mediator: Eine Mediation kann nur dann gelingen, wenn der Mediator es schafft, zwei Dinge zu erreichen: zunächst einmal müssen die Parteien ihm als Person vertrauen und alle, d. h. der Mediator und Parteien müssen auf das Verfahren vertrauen. Nach Adrian Schweizer ist dies unter dem Begriff der sogenannten mediativen Allianz zu fassen, die einen Großteil des Erfolgs einer Mediation ausmacht. Insofern kann man hier von einer vertrauensvollen Atmosphäre sprechen als Voraussetzung für den Erfolg einer Mediation. Die Medianden können sich in dieser Atmosphäre öffnen und ihre Interessen herausarbeiten, weil sie sich und ihre Probleme in der Mediation wertgeschätzt und angenommen fühlen.

Ausgehend von dieser Grundatmosphäre kann sich im Verlaufe eines Mediationsverfahrens die Atmosphäre aber auch verändern. Sie kann hitzig, frostig, angespannt, aber auch kreativ und versöhnlich sein. Diese Veränderungen in der Atmosphäre treten so gut wie in allen Mediation auf und sind Teil der nachhaltigen Konfliktbearbeitung. Der Mediator muss nun in der Lage sein, die jeweilige Atmosphäre in den richtigen Kontext einzuordnen bzw. die Dynamik der jeweiligen Atmosphäre zu nutzen. Dadurch schafft es der professionelle Mediator, die wechselnden „atmosphärischen Bedingungen“ mit Blick auf die Konfliktlösung fruchtbar zu machen.

Nun wird sich der eine oder andere von Ihnen sicherlich fragen: Was bedeutet das nun konkret für meine Arbeit?

Fangen wir mit der Herstellung der vertraulichen Atmosphäre an. Hier ist es vor allem wichtig, dass sich der Mediator mit den Parteien und die Parteien mit dem Mediator synchronisieren. Dies kann auf ganz verschiedene Art und Weise erfolgen, je nachdem, wer an einer Mediation teilnimmt und in welchem Umfeld diese stattfindet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Menschen dazu neigen, sich quasi „automatisch“ zu synchronisieren, wenn sie länger zusammenarbeiten. Der Schlüssel liegt hier zunächst darin, diesen „natürlichen Prozess“ möglichst nicht zu stören. Dazu sollte man sich einer möglichst widerstandsfreien Sprache bedienen, um keine Widerstände zu erzeugen. Je nach Typ bieten sich auch gemeinsame Spaziergänge vor der eigentlichen Mediation oder Small Talk über Themen an, die Mediator und Medianden verbinden.

Beispiel: Im Vorgespräch mit einem Medianden wird deutlich, dass dieser ein großer Modelleisenbahnfan ist. Der Mediator teilt u.a. dieses Interesse und kann sich nun mit diesem Medianden synchronisieren, indem er sich einfach eine Weile über das Thema unterhält. Der natürliche Synchronisationsprozess nimmt seinen Lauf.

Ist die mediative Allianz geschaffen und das Grundvertrauen etabliert, kann die Konfliktbearbeitung in Angriff genommen werden. Atmosphärische Veränderungen nimmt der Mediator nun auf, um die Konfliktbewältigung voranzutreiben.

Beispiel: In einer Scheidungsmediation hat der Ehemann seit Jahren eine Freundin gehabt. Bei der Darstellung der Konfliktgeschichte aus seiner Sicht macht der Ehemann seiner Frau große Vorwürfe. Diese sei letztendlich selbst dafür verantwortlich, dass er aus der Ehe „herausgetrieben“ wurde. Daraufhin wird die Diskussion immer hitziger und die Atmosphäre immer gespannter. Schließlich bricht die Frau in heftiges Weinen aus. Was ist zu tun? Zunächst natürlich die Situation beruhigen. Taschentücher reichen (ich sehe deine Situation), Pause vorschlagen (Intervention), möglichst in gewaltfreier Sprache (Die Erfahrung zeigt, dass es gut wäre, jetzt eine Pause zu machen. Sehen sie das auch so?). Um die angespannte Atmosphäre für die Konfliktlösung zu nutzen, kann man dann (nach einer Pause) normalisieren (man macht den Medianden deutlich, dass der emotionale Ausbruch völlig normal in einer solchen Situation ist und insofern ein gutes Ventil für die angestauten Emotionen war). Im Regelfall kann dann die Mediation fortgesetzt werden, da sich die Parteien „abgeholt“ und verstanden fühlen.

Schließlich kann der Mediator die Dynamik einer „guten“ Atmosphäre nutzen, um die Konfliktbearbeitung weiter voranzutreiben.

Beispiel: In der Lösungsphase geraten die Parteien in einem kreativen „Flow“. Hier kann der Mediator diese kreative Atmosphäre nutzen um etwa durch die „Walt Disney Methode“ noch mehr Lösungsoptionen zu generieren.

Fazit: Man sieht an diesen Beispielen, dass der Begriff der Atmosphäre in der Mediation durchaus einen eigenen Inhalt hat und das Bewusstmachen dieses Umstandes, durchaus vielfältige Chancen bietet. Der professionelle Mediator sollte sich deshalb mit den Folgen der verschiedenen „atmosphärischen Zustände“ vertraut machen, um diese im Sinne einer Optimierung des Mediationsverfahrens nutzen zu können.


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