Führung durch Vertrauen – Kann das Führungsprinzip der Bundeswehr Hinweise für die Arbeit von Mediatoren geben?
Marcus Hehn, M.A., Rechtsanwalt und Mediator, Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss, Alsdorf
Moderne Führung steht heute vor der Herausforderung, Menschen nicht allein durch einseitige Anweisungen oder formale Autorität zu leiten, sondern Motivation, Eigenverantwortung und gegenseitiges Vertrauen zu fördern. Dieses Verständnis findet sich sowohl im Führungsverständnis der Bundeswehr als auch in den Grundprinzipien professioneller Mediation wieder. Während die Bundeswehr seit einigen Jahrzehnten unter dem Leitbild der Inneren Führung das Prinzip „Führung durch Vertrauen" verfolgt, basiert Mediation auf einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Konfliktparteien und Mediator. Beide Ansätze verfolgen das Ziel, Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen und tragfähige Entscheidungen zu treffen.
Obwohl Bundeswehr und Mediation unterschiedlichen Aufgabenfeldern entstammen – militärische Führung einerseits, Konfliktlösung andererseits –, zeigen sich bemerkenswerte Parallelen hinsichtlich der Menschenführung, Kommunikation und Werteorientierung.
„Befehl und Gehorsam“ oder „Führung durch Vertrauen“
Militärische Führung – das bedeutet für viele schlicht „Befehl und Gehorsam“. Unzählige Filme und Berichte erwecken den Eindruck, dass Streitkräfte von den Befehlshabern gar nicht anders geführt werden können. Obwohl dieses Bild weit verbreitet ist, sieht die Realität ganz anders aus, nicht nur in Friedenszeiten. Die Bundeswehr versteht Führung heute als weit mehr als das Erteilen von Befehlen. Im Mittelpunkt steht der Mensch als verantwortungsbewusster Staatsbürger in Uniform. Das Konzept der Inneren Führung verbindet militärische Auftragserfüllung mit den Werten des Grundgesetzes und schafft damit einen Rahmen für verantwortungsvolle Menschenführung.
„Führung durch Vertrauen" bedeutet, dass Vorgesetzte ihren Soldatinnen und Soldaten Vertrauen entgegenbringen und zugleich selbst vertrauenswürdig handeln. Vertrauen entsteht dabei nicht durch formale Dienstgrade, sondern durch Glaubwürdigkeit, Fachkompetenz, Fairness und persönliche Integrität.
Gerade im militärischen Alltag können Vorgesetzte nicht jede Handlung kontrollieren. Einsatzsituationen verlangen vielmehr, dass Soldatinnen und Soldaten selbstständig Entscheidungen treffen. Vertrauen wird dadurch zu einem wesentlichen Führungsinstrument.
Haltung von Mediatoren
Auch in der Mediation bildet Vertrauen die unverzichtbare Grundlage erfolgreicher Konfliktbearbeitung. Damit ist nicht die „Vertraulichkeit“ als wesentliches Prinzip der Mediation neben weiteren wie beispielsweise Allparteilichkeit, Freiwilligkeit oder Ergebnisoffenheit gemeint, sondern das Vertrauen der Medianten in das Verfahren und in die Mediatorin. Ohne Vertrauen werden Konfliktparteien ihre tatsächlichen Interessen, Bedürfnisse oder Sorgen kaum offenlegen. Der Mediator schafft daher zunächst einen geschützten Kommunikationsraum, in dem gegenseitiges Vertrauen entstehen kann.
Bekanntlich lösen Mediatoren anders als beispielsweise Richter den Konflikt nicht selbst. Vielmehr unterstützen sie die Beteiligten dabei, ihre eigene Lösung zu entwickeln. Diese Grundhaltung ähnelt dem Führungsverständnis der Bundeswehr, wonach Führung nicht Bevormundung bedeutet, sondern Befähigung. Und damit werden sehr schnell auch Parallelen zum Ansatz des Empowerments, bei dem „Empowerment und Recognition“ die tragenden Elemente sind, deutlich.
In der Literatur wird Mediation als ein Prozess beschrieben, der die Eigenverantwortung der Konfliktparteien stärkt und den Blick nicht auf Positionen, sondern auf Interessen, Bedürfnisse und eine tragfähige Zukunft richtet. Dabei hebt er hervor, dass Mediation insbesondere dort erfolgreich ist, wo gegenseitiges Vertrauen aufgebaut und erhalten wird. Vertrauen entsteht nach diesem Verständnis durch Transparenz, Respekt, offene Kommunikation und die konsequente Wahrung der Eigenverantwortung der Beteiligten. Gerade diese Grundhaltung findet sich im Führungsprinzip der Bundeswehr wieder: Auch dort schafft Vertrauen die Voraussetzung dafür, Verantwortung zu übertragen, Initiative zu ermöglichen und gemeinsame Ziele erfolgreich zu erreichen. Die Führungskraft übernimmt – ebenso wie der Mediator – Verantwortung für den Prozess und die Rahmenbedingungen, nicht jedoch für jede einzelne Handlung der Beteiligten. Dieses Verständnis fördert Selbstwirksamkeit, Verantwortungsbewusstsein und eine nachhaltige Zusammenarbeit.
Selbstverständlich lässt sich das Führungsprinzip der Bundeswehr nicht 1:1 auf die Mediation übertragen. Aber es lohnt sich dennoch, Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuarbeiten und daraus auch mögliche Anstöße für Mediatorinnen zu erarbeiten. Die Arbeitsgemeinschaft Mediation beabsichtigt, dieses Thema im Rahmen der Jahrestagung am 20. November 2026 aufzugreifen. Koblenz scheint dafür ein geeigneter Ort zu sein, denn dort schlägt auch das strategische Herz der Bundeswehr. Das „Zentrum Innere Führung“ hat seit vielen Jahrzehnten seinen Sitz in der ehemals größten Garnisonsstadt Deutschlands und ist weit über seine Grenzen hinaus bekannt geworden.
