Mediatoren sind auch nur Menschen: Erwartungsdruck und Ergebnisoffenheit
von Susann Barge-Marxen, Rechtsanwältin und Notarin, Mediatorin und Supervisorin, Lübeck
Die Arbeit von Mediator:innen ist durch verschiedene Prinzipien geprägt. Zu diesen Prinzipien gehören Neutralität, Allparteilichkeit und unter anderem auch Ergebnisoffenheit. Letztere wird häufig von den Mediand:innen erwartet. Tatsächlich müssen aber auch Mediator:innen ergebnisoffen sein. Fehlt es daran, wird die Selbstbestimmung der Parteien geschwächt, und es besteht die Gefahr instabiler Vereinbarungen, die nachträglich angefochten werden können. Den eigenen Ergebnisdruck frühzeitig zu erkennen und bewusst zu regulieren, hilft, Neutralität und Allparteilichkeit zu wahren und ist Ausdruck von Professionalität.
1. Was führt zur fehlenden Ergebnisoffenheit bei Mediator:innen?
Wenn Mediator:innen den erfolgreichen Abschluss von Mediationsverfahren als wichtig für die eigene persönliche (berufliche oder private) oder auch berufliche Entwicklung erleben (Reputation, Akquise, Außendarstellung, Aufbau eines neuen Geschäftsfelds), entsteht der Wunsch oder auch schon einmal Druck, diese Mediation „gut“ über die Bühne zu bringen, also mit einer Abschlussvereinbarung. Die innere Zielgröße verschiebt sich dann schnell und unmerklich von „gute, tragfähige Lösung für die Parteien“ zu „nachweisbare Einigung“. Das kollidiert mit dem Grundsatz der Ergebnisoffenheit.
Machen wir uns nichts vor: Mediation ist auch (nur) ein Beruf, in dem Mediator:innen bestehen oder auch nicht. Karriere- und Marktlogik (Fallzahlen, Erfolgsquoten, positive Rückmeldungen von Gerichten oder Kooperationspartnern) oder das erzielbare Honorar können zur impliziten Messlatte für „gute“ Mediation werden. Mediator:innen geraten damit in Gefahr, die eigene Laufbahn als stillen Stakeholder im Verfahren zu positionieren und damit zum „dritten Verhandlungspartner“ zu werden – ohne dass dies reflektiert oder offengelegt ist. Gleiche Implikationen ergeben sich, wenn Mediator:innen – oft auch unbewusst – persönliche Interessen in die Verhandlungen einfließen lassen, z.?B. weil sie bestimmten Überzeugungen anhängen.
2. Welche Folgen hat das für unsere Arbeit?
In der Mediationsarbeit können sich typische Verzerrungen ergeben, wenn Mediator:innen bei der Auswahl ihrer Fälle eher auf „abschlussfähige“ Konflikte setzen oder schwierige Mediand:innen und ihre Konflikte vermeiden. Wichtig ist daher, Warnsignale zu erkennen, sie nicht fehlzudeuten und entsprechend zu handeln. Bedenken der Parteien („Ich brauche noch Zeit“, „Ich bin mir unsicher“) dürfen nicht zu einem „Wir sind doch schon nah dran“ umgedeutet werden, anstatt sie ernsthaft zum Thema zu machen. Solche Verzerrungen wirken oft nur subtil, aber sie verändern unsere Rolle von neutraler Prozessbegleitung hin zu steuernden, am Ergebnis interessierten Mediator:innen.
3. Woran kann ein ausgeübter Ergebnisdruck festgemacht werden?
Ergebnisdruck kann sich natürlich auch in offenen Aussagen äußern. Oft sind Anzeichen aber nur feine Musterveränderungen des Verhaltens. Typisch sind etwa:
- Zeitdruck?Rhetorik: Hinweise wie „Das Gericht entscheidet sonst härter“ oder „Wir müssen / wollen heute einen Schritt weiterkommen – Sie wollen doch heute weiterkommen …“
- Vorschlagslastigkeit: Mediator:innen bringen vermehrt konkrete Lösungsvorschläge ein und „schieben“ Mediand:innen zu einer bestimmten Lösungsvariante.
- Verkürzung der Klärungsphase: Emotionale und beziehungsklärende Themen werden abgebrochen oder „wegmoderiert“, um schnell in die Lösungsfindung zu wechseln.
Mediand:innen können solche Handlungsformen schnell als subtile Form von Druck wahrnehmen, auch wenn Mediator:innen subjektiv nur „effizient“ sein wollen. Das kann zu einer erhöhten Anpassungsbereitschaft der schwächeren Partei und zugleich zu wachsendem Misstrauen gegenüber der Neutralität von Mediator:innen führen.
4. Welche Folgen hat das für die Mediation?
Wo Mediator:innen auf den Prozess einwirken, kommt es zu einer Verletzung der Selbstbestimmung von Mediand:innen. Wenn persönliche oder auch Karriereinteressen (auch unbewusst) dazu führen, dass Mediator:innen ihre Parteien zu einem Vergleich „hinführen“, ist die formale Freiwilligkeit nicht mehr deckungsgleich mit einer tatsächlich gewünschten inneren Zustimmung von Mediand:innen.
Die Allparteilichkeit ist gefährdet: Die Partei, die sich schneller auf einen Vergleich einlässt, wird faktisch attraktiver, weil sie das „Karriereziel“ Einigung wahrscheinlicher macht; die zögernde Partei wird als „Blockierer“ wahrgenommen. Später angegriffene Vereinbarungen können (auch nur faktisch) den Vorwurf befeuern, Mediator:innen hätten auf ein Ergebnis hingewirkt, statt neutral den Prozess zu führen. Mediand:innen sind unzufrieden mit dem Ergebnis der Mediation und mit dem Mediationsverfahren. Sie lehnen das Verfahren als Mittel zukünftiger Konfliktlösung ab.
5. Lösung eines Dilemmas
a) Ausgangspunkt: Ergebnisoffenheit als Kernprinzip
Mediation beruht auf der Freiwilligkeit und der Ergebnisoffenheit des Verfahrens; auch das Ausbleiben eines Vergleichs ist ein legitimes Ergebnis. Wird der Abschluss einer Vereinbarung praktisch zur „Missionsaufgabe“ von Mediator:innen, verwandelt sich das Setting faktisch in eine Vergleichsverhandlung, bei der ein Autoritätsgefälle besteht. Das eigenverantwortliche Suchen und Entwickeln von Lösungsoptionen dient auch dazu, dass alle Beteiligten einer Mediation ihre eigenen Interessen und Grenzen kennenlernen und wahren. Die richtige Lösung für Mediand:innen ist daher diejenige, die einerseits einen Interessenausgleich bietet, aber auch Grenzen achtet und respektiert. Jede Form von verdecktem Einigungsdruck unterminiert diese Selbstbestimmung.
b) Prüfkatalog: Selbstreflexion auch im Hinblick auf Ergebnisorientierung
Wir müssen Methoden entwickeln, um einen problematischen Ergebnisdruck früh zu erkennen. Dazu gehört bei der Vor- oder Nachbereitung einer Mediation auch immer, einen Blick auf sich selbst zu werfen und sich zu fragen, welche Erwartungen habe ich selbst an die Mediation und welche Erwartungen habe ich an die Mediand:innen. Die Fragen „Was bedeutet es (auch für mich), wenn heute diese Mediation ohne Abschlussvereinbarung bleibt?“ oder „Was bedeutet es (auch für mich), wenn diese Mediation scheitert?“ sollten zur eigenen Überprüfung regelmäßig gestellt werden. Rückfragen zum Mediationsablauf, zum Setting, zu Lösungsphasen und Lösungsoptionen dürfen gestellt werden.
Aus meiner Supervisionspraxis kenne ich Überraschung und Frustration von Mediator:innen, wenn sie erleben müssen, dass sich die Mediand:innen gerade in der Lösungsphase noch einmal heftig auseinandersetzen. Nehmen Sie das als Zeichen, dass tatsächlich verhandelt wird. Die Verhandlung in der Lösungsphase ist ein wichtiger Bestandteil der Mediation und, wenn alle Mediand:innen tüchtig mitverhandeln, auch Ausdruck dafür, dass ein Machtgleichgewicht gelungen ist.
c) Strategien in der Verhandlungssituation
Sollte es doch einmal passiert sein, dass Mediator:innen einen eigenen Ergebnisdruck spüren oder die Mediand:innen diesen signalisieren, kann dieses Malheur wieder aufgefangen werden: Wichtig ist die Erkenntnis. Daraus können Handlungsstrategien abgeleitet werden. Kehren Sie zu den Verfahrensgrundsätzen zurück: Nehmen Sie geäußerte Bedenken wahr, betonen Sie die Freiwilligkeit für alle Verhandlungspartner:innen, zum Beispiel indem Sie noch einmal die Grundsätze und hier besonders die Freiwilligkeit erklären, insbesondere auch im Hinblick auf die Lösungsphase. Verlangsamen Sie die Mediation wieder. Lassen Sie Pausen zu, bilden Sie Zwischenergebnisse, wenn diese wirklich von allen Verhandlungspartner:innen mitgetragen werden. Nehmen Sie offene Punkte (wieder) auf und behandeln Sie diese. Geben Sie Zeit für Rückkopplungsgespräche, ermuntern Sie zur externen Beratung, sofern das sinnvoll ist. Das sollte ohnehin geschehen, bevor eine Abschlussvereinbarung unterschrieben wird.
Handwerkszeug gehört zum Beruf und besonders auch zum Beruf von Mediator:innen. Das drücken wir gerne auch dadurch aus, dass wir von unserem „Werkzeugkoffer“ sprechen. Der Umgang mit dem Ergebnisdruck, aus welchem Grund er auch immer entstanden ist, ist Handwerk. Viel Spaß dabei!
Herzliche Grüße,
Susann Barge-Marxen
Stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Mediation im Deutschen Anwaltverein.
