Streitschlichtung an Hamburger Schulen – Neue MediatorInnnen braucht das Land - Ein positives Plädoyer
Von Matthias Schütz, Syndikus, Rechtsanwalt und Mediator, Hamburg
Als mein Sohn mir vor einigen Wochen seine Urkunde zeigte, die ihn als „zertifizierten“ Streitschlichter auswies und ihm attestierte, dass er nicht nur an der Ausbildung teilgenommen hatte, sondern auch die Technik des Streitschlichtens beherrsche und anwenden könne, wollte ich mehr erfahren:
Hamburg gehört seit über 25 Jahren zu den Städten, die PeerMediation systematisch fördern und im Schulalltag verankern. Derzeit sind rund 2000 SchülerInnen an circa 160 Schulen der Hansestadt als StreitschlichterInnen aktiv.
Die Streitschlichtung wurde von der Schulbehörde in Hamburg und der Beratungsstelle Gewaltprävention, dem Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (ikm) und die Unfallkasse Nord ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Modells werden Schulen begleitet, LehrerInnen zu AusbilderInnen und Betreuungskräfte der streitschlichtenden SchülerInnen qualifiziert. Außerdem werden regelmäßig die Hamburger Streitschlichtungstage - eine der größten PeerMediationsveranstaltungen bundesweit – ausgerichtet.
Doch hinter diesem Modell soll den Schülern vor allem eine Haltung, die auf Dialog, Empathie und Verantwortung setzt, vermittelt werden, die sich von Jahr zu Jahr mit den StreitschlichterInnen mitwachsend vergrößert.
Was Streitschlichtung im Schulalltag bedeutet
Streitschlichtung in Hamburg basiert auf einem PeerMediationsverfahren.
SchülerInnen werden darauf vorbereitet, Konfliktgespräche methodisch zu begleiten: Sie eröffnen das Gespräch, hören aktiv zu, erfassen Sichtweisen und Bedürfnisse, helfen beim Perspektivwechsel und unterstützen die Streitenden dabei, eigene tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Diese Form der Konfliktbearbeitung soll den Schülern aber nicht nur ein „technisches“ Verfahren mit entsprechenden „soft skills“, sondern vor allem eine breite Sozialkompetenzvermitteln. Die werdenden StreitschlichterInnen lernen dabei in Rollenspielen Zuhören und Spiegeln. Sie sollen befähigt werden eigenen wie auch die der streitenden SchülerInnen zu erkennen, zu benennen und zu regulieren.
Es soll hier aber auch ein Beitrag zu Demokratiebildung durch Übernahme von Verantwortung und Partizipation geleistet werden.
Insgesamt soll so in den Schulen eine Konfliktkultur etabliert werden, die von einem respektvollen Umgang und konstruktiven Lösungswegen geprägt ist. Oder wie mein Sohn sagte, die haben aufgehört sich zu „hauen“ und mögen sich wieder. Außerdem haben sich nach der Schule zum Spielen verabredet.
Viele an dem Programm teilnehmende Schulen berichten, dass sich die Streitschlichtung positiv auf das Schulklima ausgewirkt habe bzw. auswirke:
Streitigkeiten würden früher und unter den SchülerInnen geklärt, so dass die Beteiligten sowohl als Streitende als auch als SchlichterInnen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen könnten. Die Anzahl der Konflikte, die durch Lehrkräfte, befriedet werden müssten, sinke.
Aber wie kann ein solches System in dem oftmals herausfordernden Schulalltag integriert werden?
In Hamburg hat man sich auf verbindliche Mindeststandards, die in allen Schulen gelten, vereinbart. Diese wurden zuletzt im Jahr 2021 überarbeitet und fungieren als Qualitätsgrundlage. Demnach soll jede Schule Steuerungsgruppe bestehend aus Schulleitung, Eltern, SchülerInnen und AusbilderInnen/Betreuungskräfte bilden. Mindestens zwei ausgebildete Betreuungskräfte koordinieren und begleiten das Programm, so dass ins Schulprogramm eingebettet und jährlich fortgeführt werden kann. Es gibt einen festen Raum, in dem die Schlichtungsgespräche durchgeführt werden können. Jedes Jahr werden neue SchülerInnen ausgebildet und ältere gecoacht und begleitet. So kann das Hamburger Modell nicht nur wachsen, sondern ist auch strukturell verlässlich und langfristig abgesichert.
Zu dieser Absicherung tragen auch die regelmäßig abgehaltenen Streitschlichtungstage bei. Bei dieser Veranstaltung, die auch schon wiederholt im ehrwürdigen großen Sitzungssaal des Rathauses stattgefunden hat, begrüßte im Jahr 2024 der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher einige hundert StreitschlichterInnen persönlich. Die Streitschlichtertage bieten den jungen StreitschlichterInnen Möglichkeit nicht nur Möglichkeit zum Austausch, Lernen und gegenseitiger Motivation, sondern zollen ihnen auch Respekt und Anerkennung für ihre Engagement in einem offiziellen Rahmen.
Im vergangenen Jahr 2025 wurden die 22. Streitschlichtungstage aufgrund der enormen Nachfrage von drei auf vier Tage erweitert, so dass rund 1000 SchülerInnen, Betreuungskräfte und Fachkräfte an Ihnen teilnehmen konnten. Neben Workshops und einem intensiven Austausch würdigten VertreterInnen der Schulbehörde die StreitschlichterInnen als „tragenden Bestandteil der Hamburger Konfliktkultur“.
Aber auch die Workshops für Betreuungskräfte, in denen sich diese über Ausbildungskonzepte, Ganztagseinbindung, Werbung und digitale Konfliktformen intensiv austauschen konnten, können als Beleg dafür dienen, dass sich die Streitschlichtung in Hamburg zu einem professionelles Schulentwicklungsfeld geworden ist.
Trotzdem haben sich die Schulen für die Zukunft vorgenommen die Sichtbarkeit der StreitschlichterInnen im Schulalltag weiter zu erhöhen und den Nachwuchs durch Anerkennung und feste Strukturen weiter zu sichern. In Zukunft gilt es auch neue Herausforderungen wie digitale Konflikte in Social Media und GruppenChats zu bewältigen. Hierzu bedarf es intensiver wie regelmäßiger Unterstützung durch die Betreuungskräften und Schulleitung.
Das lernende und ständig (nach)wachsende System der Konfliktkultur an Hamburg Schulen macht Hoffnung, dass Streitschlichtung und Mediation in Zukunft in unserer Gesellschaft weiter Bedeutung gewinnen kann und dass wir alle ganz im Sinne des Abschlussrituals der Hamburger Streitschlichtertage dazu beitragen können.
„Wer sorgt dafür, dass es weniger Streit gibt?“ – WIR!
„Wer gestaltet eine friedliche (Schul)Welt?“ – WIR!
„Wer trägt die Zukunft der Streitschlichtung?“ – WIR!
Quellen: Hamburger Schulbehörde, Beratungsstelle Gewaltprävention, Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (ikm)
